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Lernen von Moskau – Abzug aus Afghanistan

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Der Westen will seine Truppen aus Afghanistan abziehen – und steht vor ähnlichen Problemen wie die Rote Armee vor einem Vierteljahrhundert

Süddeutsche Zeitung, Wochenende, 28./29. April 2012

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Das Treffen in jenem Oktober 1985 war geheim. Im Kreml hatte der neue sowjetische Regierungschef Michael Gorbatschow nach einer Strategie für den desaströsen Krieg in Afghanistan gesucht – und war nun zu einem Ergebnis gekommen: Es sei Zeit für „eine Machtteilung mit feindlichen Kräften“, befahl er dem einbestellten afghanischen Präsidenten Babrak Karmal. Bis zum kommenden Sommer werde die Rote Armee das Land verlassen. Karmal war schockiert, er wurde fahl im Gesicht, wie Anwesende berichteten. Doch er setzte zum Gegenschlag an: „Wenn ihr jetzt abzieht, dann müsst ihr beim nächsten Mal eine Million Soldaten schicken“, drohte er. Die sowjetische Schutzmacht möge bedenken, welches Chaos die Folge eines überstürzten Rückzugs sei, nämlich der Triumph ihrer islamischen Feinde, der Mudschaheddin.

Gorbatschow verschob den Rückzug aus Furcht vor Prestigeverlust erst einmal, um das zu entwickeln, was Nato-Planer heute die Exit-Strategie nennen: einen Plan, die politischen Folgeschäden zu begrenzen und vor allem dafür, das Land nicht sofort anschließend in die Hand der muslimischen Aufständischen fallen zu lassen. Er lernte, was heute US-Präsident Barack Obama lernen muss: Ein Abzug vom Hindukusch stößt auf viele Widerstände.

„Wir ließen Verbündete im Stich gegen einen tödlichen Feind.“

Moskau setzte lange auf den afghanischen Machthaber Babrak Karmal, dessen Vorgänger die Russen 1979 erschossen hatten, als sie ihren unruhigen Satellitenstaat im sowjetischen Sinn gegen muslimische Aufständische und westliche Einflüsse sichern wollten. Die Folge war ein langer und blutiger Krieg, in welchem weite Teile des unzugänglichen, kriegerischen Landes der Kontrolle der kommunistischen Regierung in Kabul entglitten. Die Rote Armee verlor 15 000 Soldaten, der von beiden Seiten brutal geführte Krieg kostete wohl deutlich mehr als eine Million Afghanen das Leben – und war für die Russen nicht zu gewinnen, obwohl ihre Einsätze, anders als die der Isaf, keine völkerrechtlichen Schranken kannten und auf Zivilisten bewusst keine Rücksicht nahmen.

Vor dem Abzug versuchte Moskau die gleiche Strategie wie die Nato heute: den Ausbau afghanischer Streitkräfte. Allerdings unterschieden sich die Methoden sehr: Während die Armee heute immerhin einen Job und ein Einkommen bietet und damit lockt, trieben sowjetische Einheiten damals Männer in Dörfern zusammen und brachten sie in Kasernen. Nach nur sechs Monaten sind zwei von drei Rekruten desertiert – oft zu den Mudschaheddin, den islamischen Aufständischen.

Zugleich erhielten diese Waffen aus Saudi-Arabien, Pakistan und den USA. Für die Amerikaner war dies heroische Hilfe an Freiheitskämpfer. Für die Rote Armee waren die Lieferungen hingegen eine große Gefahr, vor allem die wärmegeleiteten Stinger -Raketen, mit denen die Aufständischen gleich beim ersten Einsatz drei Hubschrauber abschossen.

Im März 1985 wurde Michael Gorbatschow Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und nahm sich vor, den unpopulären Krieg zu beenden. Dafür wählte er eine vermeintlich widersprüchliche Strategie: Er stockte die Truppen mit einer Spezialeinheit von 3000 Mann auf, um Nachschubrouten der Mudschaheddin anzugreifen. So wollte er den Rückzug aus einer Position der Stärke antreten. Historiker wie William Odom beschreiben diese Ausweitung der Kämpfe als Gorbatschow surge – dieselbe Art der Offensive, auf die auch Obama setzt. Surge, Woge, nennen die USA ihre verschärfte Anti-Guerilla-Strategie, die sie im Irak und in Afghanistan jeweils vor dem Truppenabzug praktizierten.

Politisch flankierten die Sowjets ihre Offensive mit einem Personalwechsel in Kabul. Sieben Monate nach dem geheimen Treffen mit Karmal im Kreml ließ Gorbatschow den reformunwilligen Präsidenten absetzen. Sein Nachfolger wurde Geheimdienst-Chef Mohammed Nadschibullah, der wegen seiner Durchsetzungsfähigkeit und bulligen Statur „der Ochse“ genannt wurde. Diese Stärke sollte er nun für eine heikle Aufgabe nutzen: ein Versöhnungsprogramm für die Aufständischen.

Es kam zwar zu lokalen Waffenstillstände. Doch die Mudschaheddin waren ebenso misstrauisch gegenüber Gesprächen mit Nadschibullah wie die Taliban heute gegenüber Präsident Hamid Karsai. Daher suchte Moskau direkten Kontakt zu den Gotteskriegern. So wie sich Washington um Gespräche in Katar bemüht, trafen russische Diplomaten damals Islamisten-Vertreter in Saudi-Arabien. Ein sowjetischer Gesandter erhielt aufgrund seiner engen Kontakte gar den Spitznamen „Mudschahed“. Doch die Fortschritte waren gering. Gorbatschow klagte, wie so viele Invasoren vor und auch nach ihm: „Wir wurden nach Afghanistan hineingezogen, und jetzt wissen wir nicht, wie wir rauskommen sollen.“

Das größte Hindernis waren die Waffenlieferungen an die Islamisten. Die Sowjets fürchteten, dass Kabul ohne russische Unterstützung von den aufgerüsteten Gotteskriegern überrannt werden könnte. Daher hatte Moskau seit 1982 versucht, bei UN-Verhandlungen in Genf die Transporte aus Pakistan zu unterbinden. Doch Islamabad räumte lange Zeit nicht einmal ein, dass es den Mudschaheddin half. Washington hingegen war geteilt in zwei Lager: In dealer , die bereit waren zu verhandeln, und bleeder , die Moskau in Afghanistan bluten lassen wollten. Gorbatschow musste Gesprächsbereitschaft signalisieren – und damit seine Niederlage eingestehen. So erklärte er 1986, Afghanistan sei eine „blutende Wunde“ und kündigte bald den Abzug von 8000 Soldaten an. Da sich die USA und Pakistan noch immer weigerten, ihre Waffenhilfen einzustellen, verkündete Moskau im Februar 1988, dass die Rote Armee abziehen würde, sobald ein Abkommen in Genf erzielt würde.

Dieses Angebot konnte auch Washington nicht mehr ausschlagen. Zwar verweigerte der afghanische Außenminister Abdul Wakil lange die Unterschrift und noch in seinem Genfer Hotelzimmer zerriss er aus Protest laut schreiend Servietten in der Luft. Doch schließlich unterzeichneten die UdSSR, die USA, Afghanistan und Pakistan am 14. April 1988 die Genfer Verträge. Der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse gestand später: „Ich musste an die Menschen denken, die wir trainiert und in eine Revolution gestürzt hatten – und die wir nun im Stich ließen im Kampf gegen einen tödlichen Feind.“

Einen Monat später begann der Abzug von 100 000 sowjetischen Soldaten. Die Garnisonen entlang der pakistanischen Grenze wurden zuerst geräumt, die kommunistische Regierungsarmee zog in die Stützpunkte ein. Im Osten verließen die Sowjets zuerst das besonders umkämpfte Dschalalabad. Für eine letzte Parade richteten sie auf dem Exerzierplatz ein Buffet an, mit Käse, Speck und Würsten – Köstlichkeiten, die die Soldaten sonst nie sahen. Ein Orchester spielte den Traditionsmarsch „Abschied der Slawin“, und unter dem Schutz von Kampfhubschraubern machte sich die Kolonne auf den weiten Weg über Kabul und den Salangpass nach Hause.

Laut dem Historiker Artemy Kalinovsky kam den Sowjets entgegen, dass viele Mudschaheddin nach Beginn des Abzugs keinen Grund mehr für Angriffe sahen, dass Kommandeure mit einigen Aufständischen Nichtangriffspakte vereinbarten und dafür teilweise auch Geld bezahlten. Vor allem aber hatten die meisten russischen Militärführer – im Gegensatz zu vielen Nato-Vertretern heute – seit Jahren für einen Abzug plädiert.

Der afghanische Präsident Nadschibullah bekam jedoch zunehmend Angst vor dem Milizenführer Ahmad Schah Massud, dem westlich orientierten „Löwen vom Pandschir“, den weder die Sowjets noch später die Taliban zu besiegen vermochten; 2001 wurde er von der al-Qaida ermordet. So startete die sowjetische Luftwaffe nur drei Wochen vor dem geplanten Ende des Abzugs die Operation Typhoon . Innerhalb von 48 Stunden flogen russische Piloten mehr als 1000 Angriffe und töteten nach eigenen Schätzungen 600 Kämpfer. „In drei Tagen und drei Nächten erschienen fast zehn Jahre Krieg wie in einem Spiegel“, schrieb der oberste sowjetische Militärberater in Kabul, „die absolute Wehrlosigkeit der einen und der pathologische Tötungsdrang der anderen.“ Dennoch wurde „der Löwe“ nicht nachhaltig geschwächt.

Der „Löwe vom Pandschir“ und eine vergebliche Jagd

Nach dieser Gewaltorgie setzte Moskau seinen Rückzug fort: Am 15. Februar 1989 fuhr Boris Gromov, der Befehlshaber für den Abzug, als letzter Soldat in Richtung Heimat. In der Mitte der „Freundschaftsbrücke“ über den Grenzfluss Amudarja stieg er aus seinem Panzer und legte die restlichen Meter bis zum Ufer zu Fuß zurück, wo ihn sein Bruder Maksim mit Rosen empfing.

Zugleich verletzten Washington und vor allem Islamabad die Genfer Verträge und unterstützten weiter die Mudschaheddin. In Kabul gelang es zwar Präsident Nadschibullah, sich mit Hilfe sowjetischer Berater und Waffen länger als erwartet an der Macht zu halten. Für einige Jahre stellten manche Russen daher ihren Abzug gar als Erfolgsgeschichte dar. Doch im Winter 1991 kollabierte die Sowjetunion, und damit war auch Nadschibullahs Schicksal besiegelt.

Im April 1992 drangen die ersten Aufständischen nach Kabul vor. Daraufhin rief Nadschibullah die letzten sieben russischen Militärberater zu sich. Obwohl er sich von Moskau verlassen fühlte, geleitete er die Russen zum Flugzeug. Am Tag darauf wollte er selbst zu seiner Familie nach Indien ziehen. Doch da war es zu spät: Der Flughafen war blockiert, der Präsident verlor die Macht.

Im restlichen Land eskalierte der Bürgerkrieg unter den Aufständischen – bis sich nach fünf blutigen Jahren die Taliban gründeten und 1996 Kabul einnahmen. Dort fanden sie Nadschibullah in einem UN-Gebäude, wo er seit Jahren hauste. Er flehte um Gnade. Stattdessen folterten sie ihn zu Tode und hängten seine Leiche an einem Ampelmast auf. So endete der letzte russische Verbündete in Afghanistan – und es begann die nächste Herrschaft des Schreckens.

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